Dünner, schöner, größer

Vor einiger Zeit habe ich einmal das Zitat „Früher wurden Kleider geschneidert, damit sie gut auf den Körper der Frau passten. Heute lassen Frauen ihren Körper zurechtschneiden, damit er zu den Kleidern passt.“ von Marc Audibet gepostet heute will ich einer Nachfrage einer Leserin etwas über “Magermodels” und “Magersucht” zu schreiben nachkommmen.

Plus Size Model 

Das Lesen von Frauen Magazinen verschlechtert die Laune von Frauen laut einer neuesten Soziologie Studie, es soll ein verpflichtender BMI für Models eingeführt werden, Heidi Klum oder die noch nervigere Lena Gercke sagt zu einer Germany’s (oder Austria’s) next topmodel Teilnehmerin, dass sie abnehmen muss, Karl Lagerfeld sagt “no one wants to see curvy women on the catwalk”, der Fall eines buchstäblich verhungertem Model macht Schlagzeilen und Schönheits Ops boomen. Hinzu kommen Studien, dass sich Kleidung die in normalen, d.h. mehr identifizierbaren Größen dargestellt wird, sich auch besser verkauft.

Die Frage warum man also Skin&Bone Menschlein auf die Laufstege schickt und in Magazinen und Zeitungen abbildet ist natürlich berechtigt. Wirklich beantworten kann man die Frage aber wahrscheinlich nicht. Es fängt ja schon damit an, dass man nicht definieren kann was Schönheit ist. Selbst Gewicht Standards wie BMI sind wenig aussagekräftigt, da sie z.B. Muskelmasse-Fettmasse Relationen nicht berücksichtigen und Kleidergrößen scheinen stärkeren Schwankungen unterworfen als das Wetter hierzulande. In meinem Kleiderschrank lebt jedenfalls eine Gemeinschaft zwischen Größe 34 und 40.

Gemälde von Fernando Botero

Einfach zu sagen “Schönheit liegt im Auge des Betrachters” wäre allerdings zu einfach. Die Attraktivitätsforschung hat bewiesen, dass eine große Mehrheit der Menschen zumindest wenn es um Gesichter geht, sehr genau übereinstimmt was schön ist und was nicht. Weitere Studien zeigen, dass schönere Menschen erfolgreicher im Job und in der Liebe sind, weil sie als netter, treuer (keiner weiß warum) und intelligenter gehalten werden. Das geht sogar soweit, dass Schönheitsoperationen wirtschaftlich lohnend sein könnten. (habe ich erwähnt, dass der “Schönheitsbonus” beim Gehalt bis zu 10% ausmacht). Wobei Schönheit sich aber nicht auf bestimmte Standards festlegen lässt. Vielmehr hat sich die Theorie durchgesetzt, dass wir unterbewusst unser Schönheitsideal ständig neu aus einem Durschnitt aller gesehen Gesichter in unserem Leben berechnen. Menschen die z.B. wenig Kontakt zu Asiaten in ihrem bisherigen Leben hatten, bewerten Asiaten nach einer Reise nach China als “schöner” als zuvor. (dient nur um ein Beispiel zu zeigen, natürlich sind alle ethnischen Gruppen gleich schön). Womit natürlich die Debatte um unsere Schönheitsvorbilder in Magazinen, TV und Kinderspielzimmer (Barbie) noch gewichtiger wird.

Gründe warum Designer doch meist auf sehr dünne Models zurückgreifen sind oft praktischer Natur. Auf diese Weisen können einfach Standardgrößen hergestellt werden, die jedem Model passen werden. Das spart Zeit und Mühe. Die großen und wichtigsten Mode Design Schulen und Universitäten verwenden ebenfalls dieselbe Standardgröße, sodass viele Designer von Haus aus nur Lernen für diese Größe zu designen. Es würde auch hier wieder viel Zeit kosten verschiedene Silhouetten und vorteilhafte Mode für solche kennen zu lernen. Jede Frau, die eben keinen “Standardkörper” hat, weiß wie mühsam es ist ein gut sitzendes Kleidungsstück zu finden, das die Vorzüge der Figur herausstreicht. In der Welt von ZARA Konfektionsgrößen gibt es keine Frauen die einen größeren Busen als B-Cup haben, weil selbst die Oberteile in L oben noch zu eng sind während man unten schon zweimal reinpasst. (noch schlimmer ist intimissi) Eine Jeans zu finden die passt ist sowieso ein Ding der Unmöglichkeit für die meisten, es sei denn man will eine peinliche Stretch Jeans mit Fake D&G Markerl tragen. Manche Frauen denken dann, etwas würde mit ihrem Körper nicht stimmen, was natürlich absoluter Blödsinn ist. Ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass die richtige Kleidung bis zu 6 Kilo mehr oder weniger ausmacht (sowie das richtige Licht und Pose auf Fotos). Leider hat eben niemand mehr ein Maßschneider deshalb muss man oft lange nach den richtigen Dingen suchen.


An artist is attracted to a certain kinds of form without knowing why” dieses Zitat stammt von dem kolumbianischen Maler Fernando Botero, der berühmt ist für seine, für uns “dicken” Frauen und Männer. Er malt bestimmt keine Magermodels, aber er spricht einen wichtigen Punkt für die Mode an. Mode ist Kunst und es sollte jedem Designer freistehen für welche Körperform er designen will. Die Mode Welt findet eben magere Gestalten am Besten auf dem Laufsteg. Rubens malte lieber rundliche Frauen. Giaciomettis Skulpturen sind langezogene Strichgestalten. Michelangelos Männer (und Frauen) sind richtige Muskelprotze. Es ist nicht so als wäre unsere Kultur ausschließlich durch magere Gestalten definiert. Leider sind aber für den Mainstream durch den kommerziellen Charakter von Mode hauptsächlich diese Magervorbilder präsent. Das Gleiche gilt auch für Hollywood Kommerz Filme wo alle Frauen einen perfekt geformten Busen, lange Beine und kristallklare, glatte Haut haben. Sieht man sich Filme wie “Wie im Himmel” an, merkt man auf einmal wieviel mehr Authentizität und Ausstrahlung Schauspielerinnen mit realistischeren Köpern haben. Es ist fast wie diese künstlichen Bananmilkshakes: kennt man nur solche, findet man sie gut, sobald man einmal eine echte Banane gegessen hat findet man die Milkshakes widerwärtig und künstlich.

Kleinere, unabhängige französische Filme zeigen ebenfalls oft sehr natürliche (erotische) Szenen bei denen einem nicht sofort, das Botox und das Silikon ins Gesicht springt. Nippel haben übrigens auch verschiedene Formen und Farben, nicht wie so manche Hollywood Streifen praktisch schon einen Standard Nippel darstellen.

Szene aus “La Tournée”

Sehr empfehlenswert ist hier auch der Film “La Tournée”, der Burlesque Tänzerinnen mit Kleidergrößen von mindestens 40 zeigt. Wirken diese Frauen schön, auch auf unsere Hollywood verblendeten Augen? Ja, bestimmt!

Unglaublich verstörend und grotesk, selbst neben Hollywoods Schöpfungen sind Serien wie america’s, germany’s, austria’s next topmodel. Fällt eigentlich niemanden auf, dass hier menschliche Wesen einem unwürdigen Psychoterror ausgesetzt werden? Man nimmt ihnen Handys weg, damit sie nicht nach Hause telefonieren können. Hallo????!!! Das ist doch krank! Jede Gefühlsregung wird mit der Kamera aufgenommen, dann muss man noch vor hunderten Zuschauern zum ersten Mal in seinem Leben eine Kussszene spielen und in der klirrenden Kälte ein Fotoshooting machen. Und dann bekommt sie kein Foto weil sie nicht brav Diät und Sport gemacht hat. Und das alles unter dem Deckmäntelchen das wäre ja “Modelalltag”. Selbst ein Model kann auch mal Nein sagen ohne das gleich die Karriere vorbei ist. Und das aus solchen Shows erfolgreiche Topmodels hervorgehen ist sowieso kompletter Schwachsinn. Gisele Bündchen, heute das bestbezahlte Model aller Zeiten war wie sie angefangen hat “zu kurvig” und Kate Moss eigentlich “viel zu klein” und Drogen nahm (nimmt?) sie auch noch…. Naomi Campbell machte angeblich sowieso nie Diät .. und hatte auch sonst ihren eigenen Kopf. Sicher werden diese Modelshow Mädels als Model nach der Show arbeiten. Aber solange du nicht supermäßig verdienst ist der Job auch nicht so toll. Meist sitzen sie 3-4 Stunden für Hair und Make-up und das am Besten 2mal am Tag während der Fashion Week. Hat sich jemand von euch mal für einen Ball eine aufwendige Frisur machen lassen, erinnert ihr euch wie mühsam das ist, das alles wieder rauszuwaschen? Fotoshootings sind oft extrem anstrengend und langwierig und mit Kälte oder Hitze (Scheinwerfer) Strapazen verbunden. Man reist vielleicht viel, aber wirklich viel sehen tun nur wenige etwas und dass man immer in tollen Hotels schläft ….davon können die meisten Models nur träumen. Es ist einfach nur daneben junge Mädchen so mies zu behandeln und ihnen auch so ein falsches Bild der Realität zu geben mal davon abgesehen dass man tausenden Teenagern komplett falsche Werte vermittelt. Auch wenn Schönheit scheinbar vieles erleichtert es ist nicht wesentlich dafür ob 

Christina Hendricks aus Mad Men. Eine der wenigen Kurvenstars im Fernsehen.

man glücklich oder beliebt ist

Auch die Attraktivitätsforschung beschreibt, dass das “Konzept Schönheit” auch in die andere Richtung funktioniert: kompetente, freundliche Menschen mit Ausstrahlungskraft werden für uns immer schöner und begehrenswerter.

Nicht zuletzt sollte man sich als Frau bewusst sein, dass Ideale für die Körperform starken Schwankungen unterworfen sind. In ein paar Jahren kann wieder eine völlig neue Sichtweise angesagt sein. Models auf dem Catwalk präsentieren vielleicht ein sehr dünnes Schönheitsideal, sie diktieren es aber lange noch nicht. Es liegt auch in unserer Verantwortung uns nicht nur an Werbung, Modeschauen und Hollywood Filmen zu orientieren. Sie haben keinen Realitätsanspruch. Nicht zuletzt leben wir im Grunde in einer modisch gesehen, sehr liberalen Zeit. Führte noch vor hundert Jahren sowieso kein Weg am Korsett vorbei und waren früher sogar bestimmte Farben und Stoffe exklusiv für wenige Bevölkerungsschichten vorbehalten, so haben wir zumindest die freie Wahl wie wir uns kleiden. Und bedenkt man welche qualvollen Schönheits Behandlungen sich Frauen früher unterzogen – von giftigem Blei ins Gesicht für die blasse Haut bis zu den gebundenen “Lotusfüßchen”  ist es heute völlig normal ungeschminkt auf die Straße zu gehen. 

Um sich für Mode zu interessieren und Spaß daran zu haben ist niemand zu dick oder zu hässlich! Ich bin selbst weit davon entfernt Magermodelmaße zu haben und ich denke, dass ich trotzdem gut in den Dingen aussehe, die ich gerne anziehe. 

Gemälde von Rubens

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