Die Missstände der Mode in Deutschland und Österreich

Das Straßenbild Wiens kann unglaublich deprimierend sein: Es kommt einem vor als wäre eine Uniform bestehend aus Jeans-Sweater- Sneaker, schwarzer Jacke gesetzlich verankert. Die Zeit hat einen Artikel mit dem Titel “Wie man sich in Deutschland kleidet” publiziert, der mir aus der Seele spricht und Erklärungen für diese hartnäckige Mode-Verweigerung anbietet. Ich habe unten einige Zitate aus dem Artikel kopiert. Falls jemand Interesse hat kann den Artikel unter

http://www.zeit.de/2004/06/Deutschland_2fKleidung_06?page=1

auch ganz lesen.

Die schreckliche und rührende modische Unbewusstheit des Deutschen hat vor allem einen Grund: Er weiß nicht, dass Mode eine Sprache ist, das heißt, immer ein Ausdruck von etwas. Noch viel weniger ahnen wir, dass Mode auch dann als Ausdruck von etwas gelesen wird, wenn ein solcher Ausdruck gar nicht angestrebt wurde; jedenfalls nicht von uns. Der Deutsche denkt zum Beispiel, dass Kleidung auch unter rein praktischen Gesichtspunkten betrachtet werden kann. Fragte man einen deutschen Mann, warum er Sandalen trage, würde er antworten: Weil es so angenehm sei, wenn die Füße gekühlt werden.

Die Natürlichkeit, die der Deutsche unter den praktischen Aspekten seiner Kleiderwahl gern betont, ist den romanischen Völkern kein Kriterium; darum ihr Entsetzen über die unrasierten Frauenbeine oder Achselhöhlen, die von manchen Deutschen als Beweis der erfolgreichen Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen gefeiert werden. Dazu gehört auch der verbreitete Verzicht auf Make-up und Lippenstift – man spaziere nur einmal, des Kontrastes halber, durch ärmere Viertel Mexico Citys oder São Paulos, um zu beobachten, worauf andere Frauen auch unter erbärmlichen Lebensumständen demonstrativ nicht verzichten. Deutsche Frauen haben offenbar besondere Angst davor, als Sexualobjekt gesehen zu werden, was aber nicht heißt, dass sie deswegen in anderen Bereichen reüssierten. Das Gegenteil ist leider der Fall. Nirgendwo in Europa sind Frauen im Beruf so wenig erfolgreich wie in Deutschland. Möglicherweise verhindert das übermäßige Augenmerk auf die Symbole der Emanzipation die tatsächliche Emanzipation – das nur nebenbei bemerkt.

Mode und Stil können nicht ohne Bewunderer und Publikum sein. Der Ehrgeizigste wird an seinem Ehrgeiz irre, wenn ihn niemand würdigt. Auch die elegante Brasilianerin, die jeden Tag anders gewandet und anders chic an ihrem deutschen Arbeitsplatz erschien, resignierte nach einem halben Jahr und kam in Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen. Ihre Kolleginnen begrüßten den Schritt als überfälligen Abschied von dem, was sie für Arroganz gehalten hatten. Endlich war sie eine von ihnen, Gleiche unter Gleichen, glanzlos unter Glanzlosen, demütig unter Gedemütigten.

Über die Deutschen kommt dagegen die Mode wie eine Naturkatastrophe. 

Die Deutschen sind nicht Gestalter, sondern Opfer der Mode. Sie wissen seit alters, dass Kleidung und Geschmack in anderen Ländern entworfen werden. Es sind Länder, die man früher nicht ohne Erfolg mit Krieg überzog, aber das änderte nichts daran, dass dort diktiert wurde, was der Deutsche zu machen hatte, wenn er gerade keine Uniform trug. 

Zur Modeabstinenz gehört beispielsweise auch die Schutzbehauptung: »Ich kann es mir nicht leisten, viel Geld für Kleidung auszugeben.« Tatsächlich wird aber für anderes, für Hobbys oder für Autos, unbekümmert Geld ausgegeben. 

Es fehlt in Deutschland der Stolz, mit dem der italienische Kioskbesitzer sich selbstverständlich wie ein Graf zu kleiden versteht. Weit davon entfernt, eine klassenlose Gesellschaft zu sein, bildet Deutschland eine Gemeinschaft ängstlicher Untertanen, die sich auch modisch wegducken: nämlich vor dem Zusammenhang von Mode und Gesellschaftsstruktur

aber was erfährt man dabei an einem Hamburger U-Bahn-Ausgang im Herbst? Das Verschwinden von Kleid und Rock (getragen von drei Frauen unter 900 Passanten), das Verschwinden von Anzug und Krawatte (zehn Träger), das Ende des langen Stadtmantels (18) und des Straßenschuhs (34). Die gleichen Zählungen wurden in einer Berliner Einkaufsstraße wiederholt; und an beiden Orten noch einmal bei winterlichen Temperaturen. Die Verschiebungen waren minimal. Die überwältigende Mehrzahl beiderlei Geschlechts trägt: Sportschuhe, Hosen, Hemd oder Bluse, darüber eine kurze oder halb lange Jacke.

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